Deutschland geht es nicht gut, die Nettolöhne steigen nicht in gleicher Höhe wie die Kosten explodieren und immer mehr Menschen landen in der Armut. Auf der Autobahn Richtung Waltersdorf merkte ich allerdings bereits, dass es seit einigen Jahren neben Inflation und Arbeitslosigkeit eine viel größere Bedrohung für die Finanzstärke der Deutschen Durchschnittsfamilien gibt: der verkaufsoffene Sonntag. Das Einrichtungszentrum aus Schweden jedenfalls war am heutigen Tag im Ausnahmezustand. Menschenmassen drängelten sich ab 13:00 Uhr von den überfüllten Parkplätzen i Richtung Eingang und auch ich reihte mich in die Schlange der IKEA-Jünglinge ein. Natürlich war ich eher beruflich hier um die Psychologie der Kaufwilligen zu studieren. Mir war klar, dass ich diesen Konsumterror nicht unterstützen würde - und so begann ich, mich mit einer kleinen Cola im IKEA-eigenen Familienrestaurant auf die kommenden Stunden vorzubereiten. Beim dritten Schluck fiel mir auf, dass die Gläser sehr gut am Mund liegen und so entstand die Idee, das Nützliche mit dem Schönen zu verbinden: Leute beobachten und nebenbei ein paar Gläser für die Küche holen. Guter Plan.

Mt leicht ironischen Bemerkungen drängelte ich mich an den Menschen vorbei, die sich in der Bettenabteilung von Matte zu Matte schwangen, um die verschiedenen Härtegrade zu testen. Auch bei den Sitzmöbeln waren fantastische Momentaufnahmen menschlicher Kaufanfälle zu beobachten und so liess ich mich erst einmal in der Tischabteilung an einem Barhocker nieder, um auszuruhen. Passte auch ganz gut, da ich ja wegen der Gläser eh gedanklich in der Küche war und mir so ein kleines Frühstücksitzelement tatsächlich noch fehlt. Knut sei Dank waren die Preise durchaus erschwinglich, womit klar kalkuliert nun 6 Gläser, eine Bar und zwei Barhocker auf meinem kleinen Zettel standen. Die zwei Meter lange Kommode, die optisch durchaus dazu gepasst hätte, war leider gerade ausverkauft und mir war klar, dass nur der frühe Vogel stilvoll wohnen kann. Es galt also, schnell zu sein und sofort bei weiteren Gelegenheiten zuzupacken. 

Vielleicht war das noch mein Gedanke, als ich mich den Billy-Regalen näherte, die gerade von einer fünfköpfigen Familie angefasst wurden. Blitzschnell analysierte ich, dass nur pro-aktives Kaufen mir den Vorteil vor diesen Konsum-Monstern sichern würde. Als der Vater dieser Terror-Familie Richtung Beraterin wankte musste ich einfach handeln. Ohne Zögern warf ich ein Bündel Bambus-Stangen in seine Richtung und während er noch den Schuldigen suchte, orderte ich mal eben drei Regale - ein Platz in meiner Wohnung würde sich schon finden lassen, alternativ könnte ich die handlichen Kisten ja einige Zeit in den Keller stellen. Das verstörte Gesicht des Terror-Vaters war mir diese Aktion wert - klassischer Knock-out, noch einmal wird sich der Mann nicht mit Profis anlegen.

Nachdem ich in einer Trolley-Station den kleinen Einkauswagen in ein Sondermodell mit extra grosser Ablage getauscht habe, ging es weiter. Niemand konnte mich mehr aufhalten - IKEA wurde von Sekunde zu Sekunde mein Jagdgebiet, meine Area des Glücks. Vanille Kerzen und faltbare Regalkisten, wanderten ebenso in mein Karren wie Södeviks, Öllebro und Smutje - wobei es mir irgendwann egal war, was das überhaupt war. Der Name allein machte mir klar, dass es wichtig für mich und mein Leben war.

Wenige Minuten vor 18:00 Uhr erreichte ich die Kassen, an denen sich auch alle anderen vom Parkplatz mittlerweile eingefunden hatte. Tolle, liebevolle Menschen mit unglaublich schönen Kisten. Direkt vor dem Bezahlvorgang gelang es mir noch, die scheinbar besten Errungenschaften der anderen Besucher in meinen Wagen zu fischen und der Stolz stand auf meiner etwas nassgeschwitzten Stirn, als ich das anerkennende Lächeln der Kassiererin sah, welches Sie mir entgegenbrachte. Vierstellig - egal - ist ja Anfang des Monats - ausserdem Knut - alles gut.

Mit einem circa 2 Meter hohen Kistenturm und drei HotDogs, einer Kiste Haferkekse und Blaubeermarmelade ging ich glücklich zum Auto....und schraube noch heute! 

 

Die Reise in die Vergangenheit kam spät am Abend, als Töchterchen und ich noch nicht schlafen wollten und gemeinsam in die Eierschale Dahlem gingen. In meinen wilden Jahren war ich dort öfters und habe mich durch Menschenmassen gekämpft. Larry Schuber spielte mit Western Union auf und spätestens nach dem dritten Bierchen fühlte man sich wie ein Cowboy mitten in Berlin.  

30 Jahre später erstrahlt das Gebäude noch immer im prunkvollen Glanz und auch heute rockte sich eine Band durch das gesamte Rock-Repartoire der Musikgeschichte. Die Gäste sind zahlenmässig aber deutlich weniger geworden und haben fast vollständig die Grenze 50 deutlich überschritten. "Alte Säcke" könnte man meinen, jedoch machen die heute den Jungen so einiges vor. Eine gefühlt 90-Jährige legt einen Twist auf`s Parkett, die Tanzfläche ist knackevoll und nach jedem Lied wird gejubelt und geklatscht. Es ist ein faszinierendes Publikum und die alten Hallen sind erfüllt mit Freude und Zufriedenheit.

An manchen Stellen fragt man sich, wo die jüngeren Jahrgänge von heute die Lebensfreude gelassen haben, die uns die älteren Menschen hier vormachen. Töchterchen jedenfalls findest es hier toll und  will irgendwann mit ihren Freunden nochmal kommen. Die Eierschale hätte es verdient, wieder voller Leben zu sein. Vielleicht aber ist es auch gut, wenn diese Oase der Ü60 genau das bleibt was es heute ist - und eben kein Tanztempel der Jugend wird.

Der 1.Januar ist normalerweise ein gaaaanz schlechter Tag, um der Welt etwas mitzuteilen - hat man in der Regel doch genug mit seinen kleineren und größeren Schmerzen zu tun. Heute geht`s aber irgendwie. Nach drei Stunden Schlaf zwickte es zwar noch ein wenig in den vorderen Gehirnregionen, bereits vorm Mittagessen war Seh- und Denkvermögen aber wieder auf üblichem Niveau. Zeit also, die erste Nacht des Tages Revue passieren zu lassen.  Selbstgemachte Pfannkuchen, Krabbencocktail und Käsefondue standen auf der Jahreswendespeiseliste. Während die ersten beiden Zutaten phantastisch waren, konnte das cheesymässige Fondue so gar nicht mithalten. Der Käse, seines Zeichens nach original Schweizer Rezept, wirkte irgendwie fad und so gelang es ihm nur sehr mittelmässig, die eingetauchten Ananasscheiben, Pilze oder Brotkrumen zum Geschmacksorgasmus zu führen.

 

Mit zwei Raketen bewaffnet ging es dann ins "Ratzeputz" einer kleinen In-Kneipe in Neukölln. Irgendwie cool da, auch wenn man wegen der Dunkelheit recht wenig gesehen hat - was vielleicht auch besser so war. Wer auf seine Kosten kommen wollte, musste an diesem Abend mehrere Sprachen sprechen können, was  scheinbar aber generell zu einem Markenzeichen des Berliner Sylvesters wird. Spanisch, Englisch und Französisch gehören ins (multi-)kulturelle Stadtbild mittlerweile ebenso wie ne schnelle Wurst bei "Curry 36" - und das ist gut so. Spätestens in der frühmorgendlichen S-Bahn dann wurde dieser Sprachschatz noch erweitert, als irgendwas Asiatisches verzweifelt versuchte, trotz einiger Promille die richtige Richtung zum Hotel zu finden.

Fazit: Geile Nacht mit superlieben Menschen.

Beim Neujahrskarten-Ziehen habe ich dann noch den "Eremiten" gezogen und mir wurde ein Jahr der inneren Besinnung und der Beschäftigung mit Prozessen vorhergesagt. Schauen wir mal. Zur Sicherheit habe ich mir mal die wichtigsten Infos rund um den Eremiten rausgesucht und werde immer wieder mal schauen, ob das Schicksal recht hatte:

Erwachsen und gereift blickt der Eremit nach innen und weiß, wer er ist. Er kennt seine Identität, sein Ich. Nur aus dieser inneren Mitte heraus kann er dem Leitstern seines Lebenswegs blindlings folgen. Er wendet sich von der Gesellschaft ab und geht seinen Weg. Das heißt im Alltag nicht, dass er sich von allem trennen muss. Es heißt, dass nur er seinen Weg gehen kann.

In deiner jetzigen Situation ist der Kontakt zu dir selbst besonders wichtig. Weiche dem, was sich in dir bewegt, nicht länger aus. Nutze Zeiten des Alleinseins, um tief in dich hineinzufühlen und zu hören. Wenn du keine Angst vor dir selbst hast und alles in dir selbst annimmst und liebst, wird sich auch deine Lebensangst aufl ösen. Du kannst dann mit anderen zusammen sein, ohne den Kontakt zu dir selbst zu verlieren.

Berlins coolste Kneipe ruft - und ich sollte dabei sein. Selbst der älteste Berliner kennt mit Sicherheit noch das Leydicke, das seit 1877 die durstigen Hauptstädter mit selbstgebrannten Spirituosen versorgte. Knackevoll soll es früher in der Kneipe gewesen sein und die "alte Leydicke", wie sie noch heute ehrfürchtig genannt wurde, hat auch schon mal gern selbst einen ungebetenen Besucher vor die Tür gesetzt oder einfach nur diejenigen beschimpft, die aus ihrer Sicht zu wenig tranken. In den letzten Jahren gab es einige tolle Abende dort, zumal der heutige Betreiber, ebenfalls ein Leydicke und nun schon Betreiber in der 4. Generation, in diesem Verhalten absolut die Familientradition hochhält. Es wird geraucht, gequatscht und vor allem getrunken - dank der eigenen Destillation im Keller geht der Stoff auch nie aus und ist wirklich lecker. Geheimtipp: Eierlikör! Muss man trinken.

Wollte ich auch trinken, allerdings hatte man heute wohl keinen Bock auf uns und so war der Laden geschlossen. Warum sollte ein Lokal auch an einem Freitag Abend offen haben...wäre doch Unsinn....

Zeit also, ein anderes Lokal zu finden und so trieb es uns ins Café Manstein, direkt neben dem Leydicke. Neben den üblichen Getränken, die man in einem Café so erwartet, hat der kleine Laden auch so manche Überraschung parat.
1)Auf der Speisekarte werden z.B. Spagetti mit Butter für 1,-- Euro angeboten...kein Scherz! Will man statt der normalen Butter eher Kräuterbutter auf die Paste, dann muss man insgesamt 2 Euronen berappen. Als Verliebten-Menue kann man zwei Teller Spagetti mit Pesto und eine Flasche Wein für 13,50 bestellen. Die Portionen sind mächtig, die Liebe kann also entspannt durch den Magen sausen.   
2) Wer Bock auf Diskussionen hat, es sich aber beim Rumlabern bereits mit allen Freunden verscherzt hat, wird im Café Manstein mit Sicherheit neue Zuhörer finden. Jeden Tag finden Diskussionsrunden zu Themen wie "Ist die Sekundärliteratur so gut wie das Original" oder " Auf dem Weg zur Verknechtung" statt und alle, die dazu etwas sagen oder eben nur Zuhören wollen, sind herzlich eingeladen. Tolle Idee finde ich, auch wenn ich zu 50% der Themen weder gewusst hätte, was ich sagen soll , noch gern irgendeinem anderen Menschen zugehört hätte.

An unserem Tisch aber haben wir einfach neue Themen aufgemacht und uns ein Weilchen über den durchschnittlichen Fleisch-Verzehr der Deutschen unterhalten. Über 630 Millionen  Hühner werden allein in Deutschland getötet und verzehrt. Nach kurzer Erschütterung haben wir dann Hunger bekommen und von Blut- und Leberwurst geträumt.

Danke an Rainer, Petra, Achim und Claudia für den gemütlichen Abend. 

Die Welt braucht einen neuen Blog - den Zille Blog!

Die weltbewegende Entscheidung habe ich getroffen, als ich mich in einer ruhigen Minute mit dem Erstellen einer eigenen Homepage beschäftigt habe.
Hier findet Ihr mit Sicherheit nichts Wichtiges, aber alles über mich. Oder so...wahrscheinlich habe ich bald schon keine Lust mehr...mal schauen

Friday the 22nd. Zilles Homepage.